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Nach
dem haarigen Finale der Tourenwagen-EM tauchte Jörg Müller
erst mal ab – ins Rote Meer in Ägypten, zu einem ausgedehnten
maritimen Urlaub. «Den hab’ ich verdient, denn ich
hatte ein hartes Jahr», resümierte der 32-jährige
BMW-Pilot, als er die freien Tage fürs MSa-Interview unterbrach.
Ich
war überrascht, dass du Gabriele Tarquini nach dem Finale
in Monza so freundlich gratuliert hast …
Jörg
Müller:
Was soll ich machen? Im Vergleich zu 2002 waren wir näher
an Alfa dran. Ich konnte mit dem Rennen doch glücklich sein – vor
allem, weil wir in der Schlussphase so fair mit Tarquini umgegangen
sind. Ich glaube nicht, dass ich eine ähnliche Situation im
Kampf mit drei Alfa so unbeschadet überstanden hätte.
Hast du in dieser turbulenten Endphase jemals überlegt,
Tarquini zu entsorgen? Eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass ich dann
keine Strafe bekommen hätte. Mehr als auf Alfa-Terrain das
letzte Rennen zu gewinnen, war für mich einfach nicht drin.
Wie konnte es über das Jahr hinweg überhaupt zu solch
einer Eskalation kommen? Das Schwierige ist, dass man die Sportkommissare
nicht hundertprozentig einschätzen kann. Bei deren Entscheidungen
war einfach keine Konstanz drin, sodass du nie sagen konntest,
wie weit du eigentlich gehen darfst. Mal wird gar nichts geahndet,
dann kommen plötzlich Strafen für echte Lachnummern – wie
zum Beispiel meine Durchfahrtsstrafe in Brünn.
Wie kann man
so etwas künftig verhindern?
Eigentlich sollte man den Sportkommissaren
nicht mehr zugestehen, noch lernen zu müssen, denn die sind
schon lange als Funktionäre auf internationaler Ebene tätig.
Die müssten eigentlich wissen, was sie machen. Aber vielleicht
muss man ihnen immer wieder Fernsehaufzeichnungen zeigen, damit
sie verstehen, warum was passiert ist.
Trägt das kurze Rennformat
auch mit zu der harten Gangart bei?
Taktische Elemente kommen bei
20 Rennminuten ja nicht mehr zum Tragen … Das stimmt. Das
Schöne ist, dass du nicht mehr einfach warten kannst, bis
die anderen einen Fehler machen. Wir können nicht mal darauf
warten, dass bei den Alfa nach den ersten paar Runden die Reifen
und die Bremsen nachlassen. Denn wenn die Italiener erst einmal
anfangen zu blocken, hast du keine Chance mehr, auf den Geraden
daneben zu gehen. Die ziehen dir aus den Kurven einfach weg. Pures
Racing hat seine Reize – aber provoziert eben auch hartes
Fahren.
Warum ist es so schwer, das Leistungsmanko
auf die Alfa wettzumachen?
Das Reglement ist relativ strikt. Unser Reihen-Sechszylinder
hat nicht so viel Drehmoment wie der Alfa-Vierzylinder. Da ist
in diesem Jahr bei uns aber auch schon sehr viel passiert …
…was
zumindest teilweise wieder egalisiert wurde, weil Alfa im Gegensatz
zu euch für 2003 auf ein sequenzielles Getriebe umgestiegen
ist. Da haben die mit Sicherheit einen Vorteil – und zwar
weniger bei den Schaltzeiten als bei den Anschlüssen an die
nächsten Gänge. Wir haben Gangsprünge von
1500/min, die nur von 1000, weil sie einen Gang mehr haben. Deswegen
verstehe ich auch nicht, dass man sequenzielle Sechs-Gang-Getriebe
zugelassen hat. Mit sequenziellen Fünf-Gang-Getrieben wär’s
gerechter gewesen. Hättest du dir eine ähnliche Verstärkung
im Titelrennen gewünscht wie Tarquini? Gewünscht schon – aber
ich kann die Politik von BMW verstehen. Die Kundenteams fahren
für ihre eigenen Ergebnisse. Tom Coronel und ich haben ja
auch perfekt zusammengearbeitet. Und ein weiteres Auto einzusetzen
ist auch nicht einfach. Da hat Alfa es einfacher, weil die ganzen
Jungs in der BTCC Frontantriebs-Erfahrung haben. Ich glaube nicht,
dass du im Moment BMW-Fahrer findest, die auf Anhieb den Speed
von Dirk Müller und mir haben. Ausserdem: Wenn wir das gemacht
hätten, hätte das ja genauso ausgesehen wie bei Alfa.
Ich bin lieber begeistert von der Fairness, mit der BMW gefahren
ist.
Du fährst in zehn Tagen in Macau. Wie wichtig ist dir
das «Guia Race»?
Soweit ich weiss, hat es
noch niemand geschafft, das in der F3 und im Tourenwagen zu gewinnen.
Das wäre
toll. Aber die EM war ganz klar die Hauptsache.
Was würde
dir der EM-Titel bedeuten, wenn du ihn jetzt noch am Grünen
Tisch zugesprochen bekämest?
Nicht weniger, als wenn ich ihn
normal gewonnen hätte. Denn ich glaube, ich bin dieses Jahr
nicht gerecht behandelt worden.
VON NORBERT OCKENGA (MOTORSPORT aktuell 46/2003)
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