«Strafen für Lachnummern»
 
05.01.2004 - Jörg Müller über die Niederlage gegen Tarquini und die Methoden von Alfa im EM-Endspurt im Interview mit Norbert Ockenga für MOTORSPORT aktuell.
 

Nach dem haarigen Finale der Tourenwagen-EM tauchte Jörg Müller erst mal ab – ins Rote Meer in Ägypten, zu einem ausgedehnten maritimen Urlaub. «Den hab’ ich verdient, denn ich hatte ein hartes Jahr», resümierte der 32-jährige BMW-Pilot, als er die freien Tage fürs MSa-Interview unterbrach.

Ich war überrascht, dass du Gabriele Tarquini nach dem Finale in Monza so freundlich gratuliert hast …
Jörg Müller: Was soll ich machen? Im Vergleich zu 2002 waren wir näher an Alfa dran. Ich konnte mit dem Rennen doch glücklich sein – vor allem, weil wir in der Schlussphase so fair mit Tarquini umgegangen sind. Ich glaube nicht, dass ich eine ähnliche Situation im Kampf mit drei Alfa so unbeschadet überstanden hätte.

Hast du in dieser turbulenten Endphase jemals überlegt, Tarquini zu entsorgen? Eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass ich dann keine Strafe bekommen hätte. Mehr als auf Alfa-Terrain das letzte Rennen zu gewinnen, war für mich einfach nicht drin. Wie konnte es über das Jahr hinweg überhaupt zu solch einer Eskalation kommen? Das Schwierige ist, dass man die Sportkommissare nicht hundertprozentig einschätzen kann. Bei deren Entscheidungen war einfach keine Konstanz drin, sodass du nie sagen konntest, wie weit du eigentlich gehen darfst. Mal wird gar nichts geahndet, dann kommen plötzlich Strafen für echte Lachnummern – wie zum Beispiel meine Durchfahrtsstrafe in Brünn.

Wie kann man so etwas künftig verhindern?
Eigentlich sollte man den Sportkommissaren nicht mehr zugestehen, noch lernen zu müssen, denn die sind schon lange als Funktionäre auf internationaler Ebene tätig. Die müssten eigentlich wissen, was sie machen. Aber vielleicht muss man ihnen immer wieder Fernsehaufzeichnungen zeigen, damit sie verstehen, warum was passiert ist.

Trägt das kurze Rennformat auch mit zu der harten Gangart bei?
Taktische Elemente kommen bei 20 Rennminuten ja nicht mehr zum Tragen … Das stimmt. Das Schöne ist, dass du nicht mehr einfach warten kannst, bis die anderen einen Fehler machen. Wir können nicht mal darauf warten, dass bei den Alfa nach den ersten paar Runden die Reifen und die Bremsen nachlassen. Denn wenn die Italiener erst einmal anfangen zu blocken, hast du keine Chance mehr, auf den Geraden daneben zu gehen. Die ziehen dir aus den Kurven einfach weg. Pures Racing hat seine Reize – aber provoziert eben auch hartes Fahren.

Warum ist es so schwer, das Leistungsmanko auf die Alfa wettzumachen?
Das Reglement ist relativ strikt. Unser Reihen-Sechszylinder hat nicht so viel Drehmoment wie der Alfa-Vierzylinder. Da ist in diesem Jahr bei uns aber auch schon sehr viel passiert …

…was zumindest teilweise wieder egalisiert wurde, weil Alfa im Gegensatz zu euch für 2003 auf ein sequenzielles Getriebe umgestiegen ist. Da haben die mit Sicherheit einen Vorteil – und zwar weniger bei den Schaltzeiten als bei den Anschlüssen an die nächsten Gänge. Wir haben Gangsprünge von 1500/min, die nur von 1000, weil sie einen Gang mehr haben. Deswegen verstehe ich auch nicht, dass man sequenzielle Sechs-Gang-Getriebe zugelassen hat. Mit sequenziellen Fünf-Gang-Getrieben wär’s gerechter gewesen.

Hättest du dir eine ähnliche Verstärkung im Titelrennen gewünscht wie Tarquini? Gewünscht schon – aber ich kann die Politik von BMW verstehen. Die Kundenteams fahren für ihre eigenen Ergebnisse. Tom Coronel und ich haben ja auch perfekt zusammengearbeitet. Und ein weiteres Auto einzusetzen ist auch nicht einfach. Da hat Alfa es einfacher, weil die ganzen Jungs in der BTCC Frontantriebs-Erfahrung haben. Ich glaube nicht, dass du im Moment BMW-Fahrer findest, die auf Anhieb den Speed von Dirk Müller und mir haben. Ausserdem: Wenn wir das gemacht hätten, hätte das ja genauso ausgesehen wie bei Alfa. Ich bin lieber begeistert von der Fairness, mit der BMW gefahren ist.

Du fährst in zehn Tagen in Macau. Wie wichtig ist dir das «Guia Race»?
Soweit ich weiss, hat es noch niemand geschafft, das in der F3 und im Tourenwagen zu gewinnen. Das wäre toll. Aber die EM war ganz klar die Hauptsache.

Was würde dir der EM-Titel bedeuten, wenn du ihn jetzt noch am Grünen Tisch zugesprochen bekämest?
Nicht weniger, als wenn ich ihn normal gewonnen hätte. Denn ich glaube, ich bin dieses Jahr nicht gerecht behandelt worden.

VON NORBERT OCKENGA (MOTORSPORT aktuell 46/2003)

 

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